Hör mein Bitten, Herr!

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(Gastbeitrag zu meinem Projekt »Wie ein großer, warmer Schal«)

Ich habe im Moment drei Bibeltexte, die mich begleiten: Psalm 55, Psalm 42 und 1. Johannes 3,1.

Es fällt mir schwer, einem davon den Vorzug zu geben. Je nach Situation und je nach Gefühlslage ist mal der eine, mal der andere präsent. Psalm 55 und Psalm 42 habe ich über die Musik kennengelernt. Und vielleicht bedeuten sie mir deswegen so viel – wo ich keine Worte mehr finde, ist da immer noch Musik in mir. Wenn ich glücklich bin, zufrieden oder sogar beides zusammen, kommen die Worte und Töne bei mir ganz alleine. Aber wenn ich traurig bin und verzweifelt, wenn selbst die Tränen im Hals stecken bleiben – dann kann ich über Musik sprechen, Tränen zum Laufen bringen.

Der Vers aus 1. Johannes 3 ist mein Taufspruch. Meine Eltern konnten sich nicht mehr an ihn erinnern (zu meiner Zeit war es noch nicht üblich, dies irgendwo schriftlich festzuhalten) und so hat es 37 Jahre gedauert, bis ich ihn über die Kirchengemeinde, in der ich getauft wurde, herausgefunden habe. Ich fand meinen Taufspruch ganz nett, aber mehr nicht. Erst als ich ihn im „Paulus“ (von Felix Mendelssohn Bartholdy) gesungen habe, habe ich Zugang zu ihm bekommen. Immer wenn Musik dieses Kribbeln in mir weckt, diese riesige Sehnsucht nach irgendetwas, was ich nicht greifen kann und gleichzeitig ganz ruhig innen drin werde – dann weiß ich: Dieser Text ist meiner. Und ich vergesse ihn nicht mehr!

Der eine Text stammt also aus Psalm 55. Ich sage bewusst „stammt“, denn man kann ihn eher als eine Interpretation denn eine wörtliche Wiedergabe des Psalms verstehen.

Hör mein Bitten, Herr, neige dich zu mir,
auf deines Kindes Stimme habe Acht!

Ich bin allein; wer wird mir Tröster und Helfer sein?
Ich irre ohne Pfad in dunkler Nacht!

Die Feinde sie drohn, und heben ihr Haupt:
„Wo ist nun der Retter, an den ihr geglaubt?“
Sie lästern dich täglich, sie stellen uns nach,
und halten die Frommen in Knechtschaft und Schmach.

Mich fasst des Todes Furcht bei ihrem Dräun!
Sie sind unzählige, ich bin allein,
mit meiner Kraft kann ich nicht widerstehn;
Herr, kämpfe du für mich,
Gott, hör mein Flehn!

O könnt ich fliegen wie die Tauben dahin,
weit hinweg vor dem Feinde zu fliehn!
In die Wüste eilt ich dann fort,
fände Ruhe am schattigen Ort.

Psalm 55

Es gibt Zeiten, da fühle ich mich einfach nur klein und hilflos. Ich würde am liebsten irgendjemandem zurufen: „Hilf mir doch! Entscheide du für mich! Nimm mich in den Arm, halte mich fest! Geh ein Stück mit mir zusammen, bis ich wieder Boden unter den Füßen habe!“ Im Moment stecke ich mal wieder in so einer Phase – und ich habe eben keinen, der mich hält und der mich begleitet. Ich bin allein. Nur Gott ist da. Auch wenn Er mir Entscheidungen nicht abnimmt (schließlich habe ich ja von ihm einen eigenen Kopf mit eigenen Gedanken bekommen), auch wenn Er mir noch nie geantwortet hat (Naja, wer weiß? Vielleicht schreit Er sich die Lunge aus dem Leib und ich höre ihn nur einfach nicht?) ist die Vorstellung schön, dass Er sich zu mir neigt und aufpasst.

Feinde wie David, der diesen Psalm sang, habe ich zum Glück nicht. Ich bin oft mein eigener Feind. Zum Beispiel jetzt, wo ich eine berufliche Entscheidung getroffen habe, von der ich fürchte (nein, eigentlich weiß ich das – ich will es nur nicht wissen wollen), dass ich sie nicht durchhalten werde. Zum Beispiel, wenn ich mich überfordert fühle oder wenn ich mich selbst nicht leiden kann. Dann sind diese Gefühle wie Feinde, weil sie mich durcheinanderbringen, aus der Bahn werfen und unglücklich machen. Und es ist so furchtbar anstrengend, sich alleine da wieder herauszuarbeiten. Da kann ich nur wie David singen: Herr, kämpfe Du für mich! Ich kann es nicht, ich habe keine Kraft dazu, und außerdem weiß ich schon gar nicht mehr, was richtig ist und was falsch…

„O könnt ich fliegen wie Tauben dahin, weit hinweg vor dem Feinde zu fliehn! In die Wüste eilt ich dann fort, fände Ruhe am schattigen Ort.“ – „O könnt ich fliegen wie Tauben dahin…“ – hinein in eine bessere Welt, in der ich ICH sein kann. Zukunftsmusik. Nicht in dieser Welt. Aber eine schöne Zukunftsmusik, finde ich. Die letzten Zeilen des Psalms oder der Hymne – sie ändern nichts an meiner jetzigen Situation. Und doch machen sie mich irgendwie ruhig und zufrieden. Ich halte mich nicht für besonders gläubig. Aber wenn diese Musik in mir klingt, dann weiß ich einfach, dass es weitergehen wird. Vielleicht wird mein Leben in einer Katastrophe enden, vielleicht werde ich mich in mir selbst wieder finden. Ich weiß es nicht, und das ist ganz gut so. Aber die Musik in dem Psalm wird mich immer begleiten und irgendwann wird sie mich an den schattigen Ort, zu Gott, bringen. Und Er wird mich in den Arm nehmen.

Anonym

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